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Erfahrungen mit dem YouTube-Star Casey Neistat

Anfang März sah ich Casey Neistat bei den Online Marketing Rockstars in Hamburg erstmals live auf der Bühne. Der Mann ist eine Erscheinung: auffällige Sonnenbrille, das Haar zurückgegelt, und jeder Satz klingt wie der Teil eines Manifests, einfach so. Wie das Hohelied von einem YouTube-Star.

Als er in Hamburg die Bühne betrat, drängten erwachsene Menschen zwischen 20 und 50 Jahren in die vorderste Linie, nur um ja mit einem besseren Blick ein besseres Foto zu ergattern. Kein Zweifel, Casey Neistat ist ein Rockstar. Um genauer zu sein: ein YouTuber aus New York.

Bewunderung für Casey Neistat als YouTube-Star

Um diese Geschichte besser zu verstehen, muss man wissen: Der Autor dieser Zeilen bewundert Casey Neistat für seine Arbeit auf YouTube. Er ist ein brillianter Storyteller und kreativer Entertainer. Sein YouTube Channel ist gigantisch: 6,5 Millionen Abonnenten haben seine Video über 1,5 Milliarden Mal gesehen. Das ist unglaublich. Deutsche YouTube-Stars wirken dagegen wie kleine Fische.

YouTube-Star Casey Neistat

Selfie vom YouTube-Star Casey Neistat – und ich mittendrin in der Fangemeinde

Plattformen wie YouTube, Instagram und Snapchat haben Stars geboren, die sich herkömmlichen Mustern entziehen. Die Sozialen Medien haben ihre eigenen Gesetze. Mehrfach schon sind wir an dieser Stelle auf den Wechsel im Mediengeschäft eingegangen. Casey Neistat ist einer der Gewinner bei diesen Veränderungen. Er ist ein Superstar der Branche – und mittlerweile Millionär.

CNN-Chef: Neistat der einzige von Bedeutung in den Medien

Mit CNN hat er vor Monaten zur seine Social-App einen Deal über 25 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Der Sender-Chef soll sich Casey Neistat mit den Worten genähert haben: „Mein Sohn hat gesagt, dass Sie der einzige sind, der in den Medien von Bedeutung ist.“

Dieser Casey Neistat war also in Hamburg auf der Bühne, und ich sah seine verzückte Anhängerschaft. Mein verrückter Gedanke war in diesem Moment: Ist dort noch ein Gleichgewicht zwischen der Qualität um sehr gut gemachte YouTube Videos auf der einen Seite und dem unkritischen Personenkult auf der anderen Seite?

YouTube-Star im Vergleich zum Journalistenberuf

Wann immer Journalisten etwas Besonderes veröffentlichen – einen erhellenden Hintergrundbericht über den Präsidenten oder eine geheime Informationen -, gibt es immer irgendwo eine Gruppe von Leuten, die voreilig rufen: „Fake News!“ Oder: „Lügenpresse!“ Ständig müssen sich Journalisten für ihre Arbeit rechtfertigen.

Hier der Dialog auf Twitter im Original

Es ist ja gut und richtig, wenn unterschiedliche Perspektiven einen Sachverhalt unterschiedlich interpretieren. Aber müssen die Vorbehalte immer so heftig ausfallen? Ich frage mich: Wie würden wohl die Neistat-Fans auf etwas Kritisches reagieren. Prompt wagte ich ein Experiment und setzte folgenden Tweet mit dem Schlüsselwort „überbewertet“ in die Welt:

„Saw @caseyneistat on #OMR17 Stage. One Comment: overvalued @OMRockstars“.

Nur ein paar Stunden später kontert Casey Neistat persönlich auf Twitter:

„hey dipshit, if you’re going to say something douchey why tag me?“

Innerhalb von zwei Tagen bekam sein Tweet 28-mal Retweets und 285 Likes. Die Angelegenheit nahm ihren Lauf. Ein Shitstorm ergoss sich über meiner Timeline.

„Thank you for your negativity. This reminds me why I follow people like @caseyneistat and don’t even know people like you“.

„Better to be overvalued than not valued at all“.

„who the fuck is that guy“.

„fake news spreading across Atlantic as well these days“.

„and pit just stay with your shitty work in sport and let the selfmate guy enjoy germany“.

„looks like that guys life is the pits“.

„Well, his brain is an empty Pit“.

„might be a small case of jealousy here maybe?!?“.

„tabloid douches be douchin’“.

Nicht ein einziger fragte mich mal, wie ich das mit dem „overvalued“ gemeint haben könnte. Also antwortete ich nicht. Die Sache ging dann noch weiter.

YouTube-Star schlägt gegen Journalisten zurück

Am nächsten Tag war Casey Neistat erneut auf der Bühne. Vor 6000 Zuschauern redete er über seine Videoprojekte, erklärte seine Lebenseinstellung und zeigte ein wunderbares Video, das er vier Jahre zuvor im Auftrag von Nike angefertigt hatte.

Wieder war charmant und überzeugend, ein Profi im Rampenlicht. Dann kam er auf meinen genannten Tweet zurück. Die Rollen war schnell verteilt: Ich war der Böse. Offen zeigte Casey Neistat, wie sehr ihm der Tweet missfallen hatte. Irgendetwas muss ihn getroffen haben. Ich rutschte tiefer und tiefer auf meinem Sitz, befürchtend, dass er mich auf die Bühne holen und zum Streitgespräch zwingen könnte. Er sagte: Leute wie ich säßen auf der Titanic und würden Champagner trinken, während er und die Millionen von Kreativköpfen hinter ihm der Eisberg seien… (Wenige Tage schmückte er diesen Gedanken in einem weiteren Video aus.) Die Zuhörer johlten. Die Antwort auf Twitter ließ nicht lange auf sich warten.

„Looks like @caseyneistat ripped @pitgottschalk into pieces on stage at #OMR17 about his ‚overvalued‘ comment. Leht’s hope he survives this“, Oliver Germer wrote.

„you just got smashed by @CaseyNeistat on #OMR17 Conference stage“, Dennis Scholar added.

„Dear Pit, your comments sincerely make me question your judgement and journalistic quality“, Geordie Traveller stated.

Gar keine Frage, Casey Neistat hat eine wesentlich engere Verbindung zu seiner Fangemeinde als die etablierten Medienmarken zu ihrer Leserschaft. Journalisten sind ständig im Verteidigungsmodus. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum vielen jungen Menschen der Beruf des Journalisten nicht mehr als Berufung erscheint und damit weniger attraktiv.

Für 31 Prozent lautet der Traumjob: YouTube-Star

Das unabhängige Vergleichsportal für DSL und Mobilfunk www.schlaubi.de will 1.013 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 25 Jahren aus ganz Deutschland, die regelmäßig YouTube-Inhalte anschauen, zu ihrer Nutzung der Video-Plattform im Netz befragt haben. Demnach sind fast drei Viertel aller Befragten (72 Prozent) begeisterte Anhänger von YouTube-Videobloggern und schalten sich mindestens dreimal pro Woche ein, um einen oder mehrere Clips anzuschauen. Jeder Fünfte (21 Prozent) schaut sich täglich einen oder mehrere Videoclips an. 57 Prozent aller Befragten gaben an, dass YouTube herkömmliches Fernsehen für sie ersetzt: Sie rufen lieber Videos auf YouTube ab, anstatt Sendungen oder Filme im TV zu verfolgen.

Alle Teilnehmer wurden außerdem gebeten, die Personen zu nennen, die ihnen als Vorbild dienen. 34 Prozent der Teilnehmer nannten YouTube-Stars oder sonstige Video-Blogger; im Vergleich dazu sind für 29 Prozent sonstige prominente Persönlichkeiten ein Vorbild, weitere 19 Prozent orientieren sich an den Eltern. Die Frage, ob sie gern Karriere als YouTube-Star machen würden, beantworteten 43 Prozent aller Teilnehmer mit Ja. Für nahezu ein Drittel (31 Prozent) wäre dies der Traumjob, für den sie gerne auf eine Karriere in einem traditionellen Beruf verzichten würden.

Mit seinem neuesten Video „Do what you can’t“ trifft der YouTube-Star Casey Neistat den Kern: Das Publizieren aus dem Smartphone heraus eröffnet neue Möglichkeiten und eine Freiheit wie nie zuvor. Drei Millionen Views verzeichnete das Video in der ersten Woche seiner Veröffentlichung. Weltmarken reißen sich darum, bei Casey Neistat eine Erwähnung zu finden. Und zahlen entsprechend.

Die Gründe für eine Karriere auf YouTube

Die Teilnehmer wurden auch gefragt, aus welchen Gründen sie eine Karriere als YouTube Star attraktiv finden. Die Mehrheit der Teilnehmer nannte „gute Bezahlung“ (26 Prozent) als Grund, gefolgt von „toller Lebensstil mit vielen Einladungen zu Events, Produktproben etc.“ (22 Prozent). Weitere 18 Prozent sind der Meinung, dass professionelle YouTube-Stars ein „stressfreies Berufsleben“ haben, und für 15 Prozent ist Berühmtheit ausschlaggebend.

Ganz gleich, wie viel Schnickschnack in den Ergebnissen drinsteckt – eines wird deutlich: Die Konkurrenz zum Journalistenberuf ist im Medienbereich größer geworden. „Self Publishing„, wie Karsten Lohmeyer es nennt, ist ungleich lukrativer als die Mühlen des Verlagsgeschäfts.

Einen Hinweis sollte man aber nicht verschwiegen. Tatsächlich gab es Überlebende auf der Titanic. Meistens überlebten die, die ein Champagner-Glas in der Hand hielten. Und der Eisberg – der schrumpfte irgendwann. Und verschwand.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
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