Mediapreneure
> > > Unternehmen gründen: 10 Fragen an Raoul Hess

Unternehmen gründen: 10 Fragen an Raoul Hess

Bei der einen Firma mit dem drolligen Namen Njiuko wird Raoul Hess branchentypisch mit dem Vornamen vorgestellt. „Raoul ist geschäftsführender Gesellschafter“, steht da. „Er kümmert sich um neue Projekte und unterstützt unsere Kunden beratend mit seiner langjährigen Erfahrung. Dabei nutzt er seine strategischen und unternehmerischen Fähigkeiten und greift auf zahlreiche Kontakte der Medienbranche zurück.“ Es geht um Software-Entwicklung, und das klingt überhaupt nicht wie bei einem, der aus dem Journalismus kommt und jahrelang Autobild.de aufgefrischt hat. Eher schon die andere Firma, wo er tätig ist: Faktor3 Sport. Unternehmen gründen: 10 Fragen an Raoul Hess.

Fällt es sehr schwer, von einem doch komfortablen Arbeitsplatz in einem Medienhaus wie Axel Springer in die Selbständigkeit zu gehen?

Ehrlich gesagt: Jein. Natürlich war Axel Springer für mich eine tolle Zeit. Ich hatte faszinierende Marken, für die ich arbeiten durfte. Gerade die Zeit bei der Bild hat mich doch extrem elektrisiert. Doch AS ist auch ein bisschen ein goldener Käfig. Und zu meiner Zeit, die immerhin ja schon sieben Jahre her ist, war AS wohl auch noch ein relativ hierarchischer Printkonzern. Für einen Onliner manchmal schon ein hartes Stück Brot. Da ist die Selbständigkeit wesentlich freier und selbstbestimmter. Wenn man die Unsicherheit, die auch damit verbunden ist, erst einmal akzeptiert hat, ein unglaublich belebendes Element!

Kollege Michael Gronau schwärmt von der Freiheit, die ihm die eigene Firma geschenkt hat. Falls jemand ein Unternehmen gründen will: Ist das so?

Absolut, das kann ich nur voll auf bestätigen. Natürlich muss das nicht bei jedem so sein, aber ich habe die letzten sieben Jahre immer das Gefühl gehabt, vollendend mein eigener Herr zu sein. Und wenn das auch noch mit Erfolg gekrönt ist. Was willst Du mehr?

Das Digitale war ja aus der AS-Zeit bei autobild.de nichts Unbekanntes. Wie sieht die Bilanz nach den ersten Jahren aus?

Ich habe das große Glück, dass ich seid 1995, also nunmehr 21 Jahren, fast nur in den digitalen Medien unterwegs bin. Wenn man sich nun, die Delle nach der ersten Blase Anfang des Jahrtausends mal ausgenommen, ansieht, wie sich die Digitalwirtschaft entwickelt hat, muss ich schon feststellen, dass man da gar nicht so viel falsch machen konnte. Dementsprechend ist die Bilanz überaus positiv, auch wenn ich die manchmal wehmütig an die Zeit in den 90-igern beim Fernsehen zurück denke. Das war wirklich auch großes Kino.

Was sind die drei schönsten Erfolge?

Raoul Hess

Raoul Hess

Schwere Frage, weil es nicht nur Erfolge sind, an die ich mich besonders gerne erinnere. Natürlich sind die beiden Firmengründungen, für die ich aktuell schaffe, für mich jeweils ein Erfolg. Da wäre zunächst die Faktor3 Sport, die wir vor 2 Jahren gegründet haben und die gleich zu Beginn die gesamte Koordination der Kommunikation rund um die Hamburger Olympiabewerbung stemmen durfte. Womit wir den ersten Misserfolg genannt hätten, an den ich mich gerne erinnere. Da ist aber auch die Njiuko, Softwareentwicklung, wie ich sie schon gerne zu meinen Konzernzeiten betrieben hätte. Einerseits Startup-Modi in so etablierte Strukturen wie Lagadere, den HSV oder den BVB tragen, andererseits eng verknüpft mit der Hamburger Start-Up-Szene, so z.B. mt Xing oder Protonet, zusammen arbeiten zu dürfen. Das macht schon einen Riesenspaß. Was beide eint ist wahrscheinlich der größte Erfolg. Beide Firmen habe ein Team, mit dem ich richtig gerne zusammen arbeite. Und das liegt sicher nicht daran, dass das alles so nette Menschen sind – was sie übrigens sind- , sondern daran, dass ich von fast allen wieder mal so richtig was lernen kann!

Und auch diese Frage sei erlaubt: Welche Rückschläge gab es?

Eine Menge, immer wieder! Mein größter Rückschlag war sicher das Start-Up zu mobilen Lernspielen für Kinder und Jugendliche. Ich bekomme immer noch Wehmut bei dem Thema. Wir hatten so coole Ideen, so coole Partner und und und. Aber was willst Du machen, wenn Du feststellst, dass, so gut du eine Sache auch findest, einfach kein Geschäftsmodell existiert, das langfristig funktioniert und vor allem auch skaliert. Dann muss man den Laden halt dicht machen, bevor es richtig weh tut. Ansonsten gab es in vielen Projekten Rückschläge, wird es auch immer wieder geben. Die Projekte lassen sich halt nur bis zu einem gewissen Grade planen, aber das macht sie ja auch so spannend. Insofern geht es gar nicht ohne Rückschläge.

Unternehmen gründen: Es gibt auch Rückschläge

Wie übersteht man die Rückschläge?

Die Kleinen, indem man sie herbeiführt! Ohne Rückschläge kommst du nicht vorwärts. Da spricht mein Entwicklerherz: build, measure, learn, rebuild… Die Großen? Mach dir bewusst, dass wir auf einer Scholle der Glücksehligen leben. Hier in Deutschland herrschen doch paradiesische Zustände. Hier gehen immer zwei Türen auf, wenn eine zufällt. Gestern jammern noch alle, dass Journalisten nicht mehr gebraucht werden. Heute suchen sie alle gute Content-Produzenten für Content-Marketing-Plattformen. Gestern war Fernsehen tot, morgen ist Video alles. Das ist doch alles der gleich gute! Wein in neuen Schläuchen. Wer was erzählen kann, findet seine Zuhörer. Womit ich allerdings an dieser Stelle keine Journalismusdebatte anfangen möchte. Da gibt es schon einige Dinge, die langsam aber sicher in den Werteabgrund rutschen.

Muss man als Selbständiger eher Allrounder sein?

Ne, eigentlich ist es wie überall. Gut musst du sein und Spaß an der Arbeit haben. Ich kenne so viele Spezialisten, die erst in der Selbständigkeit so richtig zur Geltung gekommen sind. Es gilt eher den richtigen Ort oder Zeitpunkt zu finden, als 1000 Sachen nur halb zu können. Ach ja, eine gesunde Selbsteinschätzung, die ist wichtig.

Was sind die drei größten Fehler, die man als Journalist in der Selbständigkeit begehen kann?

Siehe oben, das falsche Selbstbild ist für die meisten ein Stolperstein. Einfach mal wieder auf Anfang. Lernen in agilen Umfeldern zu arbeiten, fällt vielen, die aus hierarchischen Redaktionen kommen, meist schwer. Auf Augenhöhe mit anderen, nicht Inhalte produzierenden Disziplinen, zusammen Projekte umsetzen, da gelten andere Regeln als in einer Redaktion. Aber in diesen Projekten steckt auch die Musik. Man darf nicht den Fehler machen und glauben, dass man mit der gleichen Arbeit wie in einer Redaktion als Angestellter nun so einfach als Selbständiger Erfolg hat. Aus dem gleichen Grund legen viele z.B. ihre Projekte gleich zu Beginn viel zu groß an. Vergesst die Dimensionen der Verlage, die Verlage legen diese zum Glück auch langsam ad acta. Die Zeiten der Big Bangs sind vorbei. Und zuletzt: Haltung! Da sind so viele unterwegs, die nix können und sich durchschmuggeln wollen. Wer seine Haltung hat, wer seine Qualitäten hat und sich nicht verbiegen lässt, der setzt sich auch durch.

Was vermisst man am meisten?

Immer die Menschen, die ich in jeder Station meiner beruflichen Laufbahn schätzen gelernt habe (und übrigens die am wenigsten, die mich die ganze Zeit genervt haben). Und die „goldenen“ Zeiten. Die des Privatfernsehens der 90er, der Online-Boom um die Jahrtausendwende, mobile und social media 10 Jahre später. Verrückte Zeiten, alles im Aufbruch, lauter Beknackte, die heute VP EMEA BD und eigentlich zu alt für die Partys auf die sie gehen sind. Ach ja, und natürlich den HSV in der Champions-League und St. Pauli in der ersten Liga. Aber das alles kommt wieder, versprochen!

Was sind die aktuellen Projekte?

Diese Woche? Betreuung einer Crowdsourcing Plattform für Jugendscouting, ein Pitch für eine Gesundheits-Prävention-Kampagne durch Sport in der Schule, zwei Social-Media-Projekte für zwei Bundesligisten, einige laufende Software-Entwicklungsprojekte für Firmen aus dem Smart Home Sektor, aber auch ne Website für einen Lotto-Anbieter. Gut zu tun.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
Kommentare

Eine Antwort hinterlassen