Mediapreneure
> > > Ticr als Unternehmen: 10 Fragen an Lou Richter

Ticr als Unternehmen: 10 Fragen an Lou Richter

Nicht viele Journalisten, die bei Zeitungen, Zeitschriften und Sendern in Lohn und Brot stehen, wagen den Sprung in die unternehmerische Verantwortung. Damit ist nicht die Selbständigkeit gemeint, die Freie Journalisten bestens kennen. Sondern: Verantwortung für Produkt, Budget, Personal, Erfolg. Eine Unternehmensgründung, wie sie zum Beispiel von Nico Lumma in Hamburg unterstützt wird. Lou Richter, inzwischen 56 Jahre alt und seit Jahrzehnten bekannt für seinen Wortwitz bei Fußballübertragungen (optisches Markenzeichen: Struwwelpeter-Frisur), hat den Schritt in Hamburg gewagt und Ticr gegründet: eine App für interaktive Fußballticker. Unternehmensgründung im Journalismus: Ein einschneidendes Erlebnis. 10 Fragen an Lou Richter.

Wie kommt man als TV-Star auf die Idee, ein Start-Up fürs Internet zu gründen?

TV-Star? Hä? Ich hab´s nicht mal in´s Dschungelcamp geschafft! Ganz klar: TV ist nicht tot, aber riecht schon etwas streng. Das Netz ist die Gegenwart und Zukunft. Schon vor Jahren stellte ich mit Freunden einen Mangel fest: Fußball-Live-Ticker gab es ausschließlich von Profis über Profis, erste bis dritte Liga. Über 99 Prozent aller Spiele wurden und werden nicht getickert. Wir fanden, es sollte für jeden die Möglichkeit geben, jedes Fußballspiel zu tickern. Egal, ob man ein Champions-League-Spiel vor dem TV anschaut oder den Sohn oder die Tochter zu einem Bambini-Kick in der Schulturnhalle begleitet. Jedes Spiel sollte zu tickern sein! Das war der und auch das auslösende Moment für Ticr.

Worum geht es bei Ticr konkret?

Ticr ist eine kostenlose App, die ein  SocialMediaFußballLiveTicker sein will. Tolles Scrabble-Wort! Jedes Spiel ist ein Ticr-Spiel. Jeder kann jederzeit überall ein Spiel ticrn und sein Erlebnis mit anderen Ticr-Usern teilen. Mit Text, Bildern, Videos und Audios. Es gibt grundsätzlich zwei Nutzungsarten: passiv-konsumierend – „ich sehe, was andere ticrn“. Oder aktiv-produzierend – „ich ticr mein Spiel“. Es gibt zwei Content-Kanäle: zum einen user-generated und zum anderen von Ticr redaktionell aufgesetzt, zum Beispiel Experten ticrn ihre Sicht eines Spiels. Ticr ist interaktiv durch die Möglichkeit, mit Freunden gemeinsam zu einem Spiel zu ticrn und durch die Chat-Funktion. Außerdem kann man einzelne Ticks via Facebook und Twitter teilen. Wir wollen eine sinnvolle App sein für Fans, Freunde, Familie und Vereine.

Ticr-Gründer Lou Richter mit Fabian Ernst

Ticr mit Lou Richter

Ticr mit Fabian Ernst und Lou Richter (rechts)

Die Affinität zu Fußball ist logisch. Aber sind Live-Ticker noch Journalismus?

Journalismus ist eine publizistische Arbeit mit dem Ziel, Öffentlichkeit herzustellen. Das lässt sich mit Ticr machen. Welche inhaltliche Tiefe und individuelle Gestaltung ein Ticker hat, bleibt jedem User überlassen. Wir wünschen uns, dass Ticr so vielfältig ist wie seine Nutzer. Vom puren Ergebnisdienst bis zur Bewegtbild-Galerie mit Interviews von Trainern und Spielern, kommentiert von anderen Usern – alles kann, nichts muss. Außer: Das Ergebnis sollte wahr sein.

Überrascht von der Detailarbeit, die bei einer Gründung notwendig wird?

Nach 30 Jahren im Medienbereich überrascht mich nur noch, wenn etwas total reibungslos auf Anhieb klappt. Tatsächlich hat mich die Palette an unterschiedlichen Aufgaben stramm heraus- und gelegentlich überfordert. Aber: Da muss man durch als Lurch.

Wie viel Zeit muss man als Gründer investieren?

Gut wären 24 Stunden am Tag. Und wenn das nicht reicht, sollte man die Nacht dazu nehmen. Lässt sich mit dem Leben nicht vereinbaren. Aber: Je mehr Focus und Konzentration man dem Start-Up widmet, desto besser sind die Entwicklungsmöglichkeiten. Vorausgesetzt, die Grundidee macht Sinn. Es ist wie beim Fußball: Talent ist wichtig, Training mindestens genau so.

Was lernt man im Prozess einer Gründung?

Ticr Team

Das Ticr Team im Selfie

Meine Sammlung an Lehren durch unsere Gründung sprengt den Rahmen hier gewaltig. Hier nur drei platte Lehren, die ich schon vorher kannte, aber die jetzt noch mal manifestiert wurden:

  • Follow the money. Am Ende geht´s um Kohle.
  • Es ist nie zu früh, ein Problem anzusprechen. Von alleine wird nichts gut.
  • Aufgaben und Zuständigkeiten klar zu verteilen, spart Zeit und Energie.

Welche Voraussetzung sollten erfüllt sein?

Auch hierzu nur drei knappe Erkenntnisse:

„Kacke kann man nicht polieren.“ Die Grundidee muss stimmen.

„Wir ziehen alle an einem Boot.“ Das Team muss miteinander funktionieren.

„Ohne Moos nix los.“ Geld muss für die Entwicklung und mindestens die ersten sechs Monate nach Go Live vorhanden sein.

 

Plagen manchmal Sorgen, ob der Business Plan aufgeht?

Oh ja, immer wieder. Nur die ganz Doofen oder echt Genialen sind ohne Zweifel. Wenn man viel Zeit, Energie und Geld in etwas steckt, möchte man doch ganz gerne erfolgreich sein. Scheitern ist bei Start-ups wie unserem immer eine Option, aber in Deutschland stigmatisiert. Nach vielen Jahren als freischaffender Medienlümmel fehlte mir aber noch das Erlebnis einer Firmengründung und –Entwicklung. Das alleine ist schon wertvoll. Und ansonsten gilt, was Beckett sagte: „Ever tried, ever failed, no matter. Try again, fail again, fail better.“

Ist es als Journalist nicht ungewohnt, mit Zahlen zu jonglieren?

Die betriebswirtschaftliche Zuständigkeit bei Ticr liegt bei einem, der das gelernt hat: Jörg Salamon hat schon andere Firmen gegründet und geleitet. Da wird er ja wohl unsere auch noch kaputt kriegen…

Wie ist die Reaktion und Unterstützung unter Kollegen?

Wie üblich: Von ernsthaftem Interesse und purer Ignoranz war alles dabei, je nach eigener Neigung. Ich bin einigen wirklich sehr dankbar für offene Ohren, Tipps und Ratschläge. Es ist toll, Unterstützung zu erleben, ohne dass die Unterstützer selbst einen direkten Nutzen davon haben. Das ist passiert und das finde ich zum Niederknien. Um mit Horst Hrubesch zu sprechen: „Ich sage nur ein Wort: Vielen Dank!“

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
Kommentare

Eine Antwort hinterlassen

Pro Newsletter