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Gutjahr.biz: 10 Fragen an Richard Gutjahr

Richard Gutjahr ist Journalist durch und durch. Er arbeitet als Freier Mitarbeiter für die ARD und moderiert u.a. Sendungen beim Bayerischen Rundfunk und beim WDR. Er schreibt einige Kolumnen, zuletzt heuerte Gutjahr bei der Rheinischen Post an, wo ihm Daniel Fiene mit Ulrike Langer via Twitter einen euphorischen Empfang bereitete. Bekannt wurde Richard Gutjahr durch sein konsequentes Vorgehen, Markenbildung als Journalist zu betreiben. Er probierte neue Darstellungsformen aus, z.B. einen Live-Stream vom Apple Store in New York, die heute viele Medienhäuser kopieren. Auch das Grimme-Institut würdigte seinen Entrpreneurial Journalism, der die Selbstvermarktung mit eigenem Logo einschließt und Geldverdienen übers Bloggen nicht ausschließt. 10 Fragen an Richard Gutjahr.

Gibt es eine Erklärung dafür, warum Journalisten von der Selbständigkeit träumen?

Von jedem Ort der Erde aus arbeiten zu können, selbst zu bestimmen, was ein Thema ist und was nicht, mit neuen Technologien und Erzählmöglichkeiten zu experimentieren – wer will das nicht?  Der Digitale Wandel, der gerade um uns herum stattfindet, ist wie die Entdeckung Amerikas. Will man sich in so einer einzigartigen Epoche in seinem Büro verschanzen und die Kantinenpläne auswendig lernen?

Richard Gutjahr am Schreibtisch Foto Mathias Vietmeier

Richard Gutjahr am Schreibtisch      Foto: Mathias Vietmeier

Ein schönes Gefühl, wenn man diesen Traum selbst erfüllt hat?

Gerade in diesen unsicheren Jahren klammern viele Journalisten an ihrer Festanstellung. Verständlich, der Arbeitsvertrag dient als eine Art Schutzmauer. Ein vermeintlicher Schutz, wie ich glaube. Denn Mauern funktionieren in zwei Richtungen. Sie bewahren dich vor den Stürmen des Digitalen Wandels, sie schirmen dich aber auch von überlebenswichtigen Innovationen ab. Wer mal den sicheren Hafen verlassen hat und spürt, dass das Wasser trägt, für den tun sich plötzlich ganz neue Welten auf. Das ist fast wie ein Rausch.

Wie schwer fällt der Schritt in die Selbständigkeit?

Es ist ein bisschen wie die ersten Tage im Fitnesscenter. Am Anfang ist es hart, seinen Rhythmus zu finden. Alles tut weh und es kostet echt Überwindung, dran zu bleiben. Doch nach einigen Monaten Training stellen sich die ersten Erfolgserlebnisse ein. Man kommt plötzlich auf ganz neue Themen, ungewöhnliche Ideen, diese umzusetzen, lernt andere tolle Freiberufler kennen, mit denen man sich zusammentut und gemeinsam Projekte umsetzt.

Welche Charaktereigenschaften sollten man mitbringen und welche erlernen?

Wie kaum ein anderer Beruf hat unsere Arbeit seit jeher mit Neugier für Themen und für Menschen zu tun und mit der Lust, Geschichten zu erzählen. Neu hinzu kommt die Freude an Technologie und Spielfreude. Sig Gissler, einst Schirmherr der Pulitzer-Preise, nennt das den „tra-digital journalist“, der Journalist, der traditionelle Tugenden mit digitaler Spielfreude kombiniert.

Konkreter: Was sind die ersten fünf Schritte, die man beachten und gehen sollte?

Schritt eins: Machen! Schritt zwei: Hinfallen! Schritt drei: Aufstehen! Schritt vier: Lernen! Schritt fünf: Siehe Schritt eins!

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Kann man vom Bloggen alleine leben – oder kommt es auf den Erlös-Mix an?

Wir sind die Zwischendrin-Generation. Die alten Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr – die neuen noch nicht. Deshalb rate ich zu einem Erlösmix. Ich nenne es die Standbein-Spielbein-Strategie. Man arbeitet drei oder vier Tage klassisch und reserviert sich den Rest der Zeit für sein Blog. Gerade das erste Jahr ist hart, da sollte man nichts überstürzen. Nach und nach wächst die Bekanntheit, man kann Werbeplätze verkaufen oder vielleicht einen Sponsor gewinnen. Man wird wahrgenommen, als Experte gehandelt, generiert gut bezahlte Aufträge, an die früher nicht zu denken war. Das Spielbein wird immer mehr zum Standbein und umgekehrt.

Berühmt sind die Szenen, als Richard Gutjahr stundenlang live von der Warteschlange vor dem New Yorker Apple Store berichtet. Muss es wirklich so aufwändig sein?

Ob Twitter, Facebook oder Snapchat: Noch nie war es in der Geschichte der Menschheit so einfach, Inhalte zu publizieren, wie heute. Das Problem: Das gilt nicht nur für Journalisten, sondern auch für den Rest der Welt. Man konkurriert sprichwörtlich gegen jedes gottverdammte Katzenvideo da draußen. Das heißt: Es wird immer schwerer, durch das allgemeine Netzrauschen durchzudringen. Man kann nicht mit jeder Story exklusiv sein oder Hochglanz bieten, das schafft kein Mensch. Doch hin und wieder sollte man etwas außergewöhnliches bieten, das sich von der Menge abhebt.

Wann kann man als Blogger abschalten – oder geht das gar nicht?

Kann man als Journalist jemals abschalten? Ich jedenfalls kann das nicht.

Was ist die größte Hürde um Aufmerksamkeit zu erzielen und Traffic aufzubauen?

Die Angst vor Kritik. Nur wer loslässt und auch mal was riskiert, lernt.

Die fünf besten Informationsquellen?

Das ist sehr individuell. Mein Tipp: Sich an freien Kollegen orientieren, die schon ein paar Jahre Erfahrung haben. Es ist immer gut, aus Fehlern zu lernen, aber man muss sie ja nicht alle selbst machen.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
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