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Raphael Honigstein: 10 Fragen zu Twitter

Man traut seinen Augen nicht: Über 400.000 Follower hat der Sportjournalist Raphael Honigstein bei Twitter (Stand Anfang 2017). Zum Vergleich: Der ehemalige Bild-Chef Kai Diekmann hat 150.000, Österreichs TV-Star Armin Wolf 333.000 Follower. (Um schon gar nicht von mir und meinen knapp 7000 Followern zu sprechen.) Keine Frage: Raphael Honigstein (43), Buchautor und Fußballexperte mit Sitz in London, rockt Twitter. Wenn er etwas twittert, ist ihm, dem freien Journalisten, Aufmerksamkeit gewiss. Aber kann er seine Bekanntheit in den Sozialen Medien auch zu Geld umwandeln? 10 Fragen an Raphael Honigstein.

Über 400.000 Follower bei Twitter: Wie schafft man das als Sportjournalist?

Man muss etwa 50.000 bis 60.000 abziehen – das sind Bots, die sich ab einer gewissen Größe an jedes Account dranhängen. In den vergangenen drei, vier Monaten läuft eine regelrechte Pornbot-Offensive, mit leicht bekleideten Damen im falschen Profilbild, willkürlichen Favorites von uralten Tweets und Einladungen, die man durchaus ausschlagen kann: „Hey @honigstein, click here to see my huge titties!“ Im Vergleich zu englischen Kollegen wie Henry Winter (Times, 1,2 Millionen Follower) ist meine Followerzahl übrigens nicht so ganz spektakulär. Und damit sind wir – endlich – bei der eigentlichen Antwort: Fußballthemen, auf Englisch, interessieren sehr, sehr viele Leute auf der Welt. Das hat gar nicht so viel mit mir persönlich zu tun.

Raphael Honigstein auf Twitter

Honigstein auf Twitter

Waren die ersten tausend Follower schwieriger oder die Viertelmillion?

Die ersten paar Tausend kamen sehr schnell, binnen ein paar Stunden im März 2010. Meine Kollegen @marcotti und @guillembalague schickten ein paar Follow-Empfehlungen, fertig. Nach der WM 2014 wuchs das Account dann merkwürdigerweise zwei Jahre so gut wie gar nicht. 2016 ging es wieder nach oben, mit den erwähnten Porn-bots, aber auch mit echten, neuen Followern.

Die Tweets schwanken zwischen Deutsch und Englisch. Irritiert das nicht einige Follower?

Ganz selten beschweren sich englisch-sprachige User, die einen deutschen Tweet nicht verstehen, aber die translate-Taste hilft da weiter. Andersherum kommt das nicht vor, da auch bei den deutschen Followern Englisch die eigentliche Twitter-Amtssprache ist.

Warum sollte man als Journalist nicht nur passiver Leser bei Twitter sein?

Raphael Honigstein

Raphael Honigstein und seine Bücher: Bitte klicken!

Das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber ich betrachte Twitter als den besten Vertriebsweg, den es gibt, als eine Form von Direct Marketing: meine Follower sind meine Leser, und ich schicke ihnen meine Texte, bequem in die Timeline. Ich habe nie verstanden, warum einige deutsche Kollegen ihre Text-Links leicht verschämt als “Eigenreklame” etc. posten.  Als Journalist  will ich gelesen werden, und meine Follower wollen mich lesen.  Das muss weder der einen noch der anderen Seite irgendwie peinlich sein. Ganz nebenbei gewinnt man natürlich durch Twitter auch ständig neue potenzielle Leser hinzu, überall auf der Welt, völlig unabhängig von dem Medium, in dem der Text letztlich erscheint. Twitter ist ein Meta-Medium.

Welche Grundsätze gibt es beim Tweeten?

Mein wichtigster Grundsatz lautet: this is business. Keine Kinderfotos, keine halblustigen Updates aus der U-Bahn oder Beschwerden über den Klempner, der nicht kommt. Keine Angeber-Fotos aus dem Urlaub oder aus dem Restaurant. Keine Selfies. 99,99 Prozent meiner Follower interessieren sich nicht für mich als Person, sondern für meine Arbeit, dementsprechend führe ich auch das Account. Eine andere Regel war, nichts Politisches zu tweeten, doch das ist seit Corbyn, Brexit und Trump nahezu unmöglich geworden, Neutralität ist keine echte Option mehr. Gleichzeitig bemühe ich mich aber weiter, mit diesen Themen spärlich umzugehen.

Sind Shitstorms unvermeidlich?

Nein, Shitstorms sind äußerst vermeidlich. Einfach vor dem Absenden noch mal lesen und überlegen, ob das irgendwie missverständlich sein kann. Und vor allem sollte man nicht betrunken twittern. Unvermeidlich sind dagegen Streits und Meinungsverschiedenheiten, denn wenn es um Fußball geht, sind Leute schnell beleidigt. Da hilft aber meist ein wenig Geduld oder, wenn es gar nicht anders geht, die Mute-Taste.

Gibt es eine Art Strategie bei der Positionierung in den anderen Social Media Kanälen?

Ich stelle meine Links auch auf meine professionelle Facebook-Seite, bin dort aber nicht sehr aktiv. Meine persönliche Facebook-Seite ist ebenfalls fast ganz leer. Ich lese da meist nur passiv mit, was Freunde und Bekannte so treiben. Über die professionelle Seite kommen sehr viele Angebote und Anfragen von anderen Journalisten rein, aber auch per DM über Twitter.

Wie kann man die Menge an Followern für sich nutzen?

Follower sind Leser. Zeitungen und Online-Publikationen kaufen nicht nur Texte bei mir ein, sondern auch die potenziellen Leser dafür. Selbst vor Fernsehauftritten – ich arbeite viel für BT Sport – wird den Leuten vor der Kamera von der Social-Media-Abteilung immer wieder gesagt, wie wichtig Tweets sind, um Zuschauer zu generieren. Ob sich das in Einschaltquoten niederschlägt, weiß ich nicht, aber ein getweeteter Link zu einem Text wird von 30.000 bis 50.000 Followern gesehen und in der Regel so um die 1000 bis 2000 Mal geklickt.

Für den Bücherverkauf sollten viele Follower förderlich sein, oder?

Aufmerksamkeit ist sicher nicht schädlich. Viele Bücher-Leser suchen außerdem über Twitter den Kontakt. Man kann sich bei ihnen für den Kauf oder das Lob bedanken. Ich sehe das als Kundenpflege.

Wurden schon kommerzielle Angebote aufgrund der Follower-Zahl unterbreitet?

Die echten Follower sind für Auftraggeber mit Sicherheit ein Thema. Ein Beispiel: Ich schreibe einmal in der Woche eine Wett-Kolumne für Unibet. Den Job habe ich bestimmt nicht, weil ich mit meinen Tipps ständig richtig (oder ständig falsch) liege, sondern weil Unibet mit jedem Tweet von mir ein paar tausend Leute erreicht. Das ist mehr Werbung als Journalismus, das wissen meine Follower aber auch. Solange ich ihnen keine Waschmittel nahelege, sehen sie es mir hoffentlich nach.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
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