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Journalisten und Podcast: Lohnt sich das überhaupt?

Welche Zukunft haben Podcasts? Und wie kann ich als Journalist einen Podcast sinnvoll nutzen? Die ursprüngliche Podcast-Idee bestand vor wenigen Jahren darin, Nachrichten überall und jederzeit hörbar zur Verfügung zu stellen. Die Idee hielt sich nicht lange.

Erstens kamen die Nachrichten, die vorgelesen wurden, noch langweiliger als die ARD-Tagesschau daher. Zweitens waren Kurz-Videos in. Wenn man schon Nachrichten konsumiert, will man auch die Bilder dazu sehen, was passiert ist. Das Ende von Podcasts war es aber nicht.

Ein Podcast hat beim Storytelling vier Vorteile

Seit Apple die Podcast-App aufs iPhone packte, liegen die Radio-Shows On Demand plötzlich im Trend. Sogar das Reporter-Forum im Spiegel-Hochhaus in Hamburg setzte das Thema auf die Agenda. Sara Weber, inzwischen Expertin, nannte die vier Vorteile von einem Podcast:

  1. Kein Zeitlimit.
  2. Kein Programmplan.
  3. Nische, Nische, Nische.
  4. Kaum Einstiegshürden.

Tatsächlich sind die Gründe stichhaltig. Den Beweis liefert Philipp Westermeyer, der seinen Online Marketing Rockstars regelmäßig in einem Podcast schwere Themen serviert – und die in diesem Format dennoch leicht bekömmlich sind. Mit Verve erinnert er an die großen Podcast-Stars in den USA, die mit einer Mischung aus Information, Gespräch, News und Unterhaltung ein Millionenpublikum begeistern. Die OMR-Sendungen erreichen immerhin ein paar tausend Zuhörer. Und sind einfacher zu handhaben als zum Beispiel Snapchat. Nur ist das Feld nicht mehr ganz so unbestellt.

Aber Journalisten und Podcast: Lohnt sich das überhaupt? Zumindest ist eine Sendung sehr schnell aufgenommen. Patrick Aust, der sich in Hamburg auf die Produktion von Podcasts spezialisiert und redaktionell betreut, sieht das Erfolgsgeheimnis in einem Dreiklang: ein Drittel Fachwissen, ein Drittel Emotion, ein Drittel Unterhaltung. Also genau so, wie gute Artikel geschrieben sind: Wer einmal reinliest und in diesem Fall reinhört, mag nicht mehr aufhören. Gedanken können beendet, Argumente ausgetauscht und Widersprüche aufgelöst werden.

Wir haben das mit einem Sporttalk während der Fußball-Europameisterschaft getestet und zu zweit über die Nationalmannschaft und andere Sportnachrichten diskutiert. Die Vorteile lagen nach vier Wochen auf der Hand: Als Journalist kann ich das, was ich zu sagen haben, in einem weiteren, neuen Format präsentieren und neue Menschen anziehen. Obwohl man nur zuhört, kommt der Journalist dem Zuhörer näher: Man erfährt seine Gedanken, ist unverfälscht im O-Ton. Näher geht nicht.

Ein Beispiel: der Sport-Podcast „Mit Picke“

Was fehlt: die direkte Möglichkeiten zum Geldverdienen. Produkte müssten in der Sendung präsentiert werden. Entweder mit einer akustischen Werbeeinblendung, wie man es vom Radio kennt, oder präsentiert vom Journalisten. Mit beidem tun sich Journalisten naturgemäß schwer.

Dann bleibt nur der nächste Vorteil: den Podcast zur eigenen Markenbildung zu nutzen. Gute Talker kommen authentisch rüber. Der Amerikaner Bill Simmons wurde auf diesem Weg zu einem begehrten Sportjournalisten, weil die Art, wie er Sportler vor dem Mikrofon befragte, eine eigene Gattung wurde.

Der Besitz eines Computers wird vorausgesetzt. Um die Audio-Datei online zu stellen, reicht ein Account bei SoundCloud; der Zugang ist kostenlos. Der Stream kann dann zum Beispiel bei iTunes Podcast importiert und veröffentlicht werden. Alles in allem sollte der Start nicht mehr als 100 Euro kosten. Aber lohnt sich das wirklich? 10 Fragen an den Podcast-Experten Patrick Aust, Co-Moderator beim Sporttalk auf „Mit Picke„.

Zur Zukunft von Podcast: 10 Fragen an Patrick Aust

Was macht Podcasts so faszinierend?
Zum einen sind Podcasts entgegen der meisten Vorurteile recht einfach zu produzieren. Um rudimentär zu starten, braucht es heute nicht mehr als ein Smartphone samt Recorder-App. Die sind bei iOS vorinstalliert. Und dazu zum Beispiel einen SoundCloud Account, auf dem die Dateien veröffentlicht werden. Desweiteren sind Podcasts sehr einfach zu konsumieren: auf dem Smartphone, auf dem Weg zur Arbeit, im Auto oder zu Hause nebenher. Und sie sind zeitlich unabhängig konsumierbar — im Gegensatz zum linearen Radio. Außerdem lassen sich die vorhandenen Audiodateien heutzutage recht einfach transkribieren und als Textvariante zweitveröffentlichen.

Ist Podcast das bessere Radio?
Hier würde ich das Stichwort linear verwenden: Podcasts können örtlich und zeitlich unabhängig von ihrer Erstveröffentlichung angehört werden. Ansonsten sind gut produzierte Podcasts mittlerweile in ihrer Qualität denen im Radio ebenbürtig.

Gibt es Zahlen, wie viele Menschen Podcasts hören?

Mit Picke Podcast

Mit Picke Podcast

Im US-amerikanischen Raum gibt es Podcastserien, die millionenfach Downloads generiert haben: Die erste Staffel (12 Folgen) der Serie „Serial“ wurde laut CNN Angaben 40 Millionen mal heruntergeladen. In Deutschland sind die Zahlen, nicht zuletzt weil der deutsche Sprachraum deutlich kleiner ist, um einiges geringer. Aber auch hier generieren Podcastserien wie etwa „Sanft und Sorgfältig“, mittlerweile umbenannt in „Fest und Flauschig“, deutlich fünfstellige Hörerzahlen pro Folge. Eine der größten Herausforderungen besteht allerdings momentan in einer möglichst belastbaren und  zuverlässigen Messung von Podcast-Abrufzahlen und Hörerstatistiken. Apple bietet derzeit beispielweise nicht einmal die Möglichkeit, die Zugriffzahlen auf die eigenen Podcasts einzusehen. Weder bezogen auf Abonnenten- noch auf Download- oder Abrufzahlen. Auf Plattformen wie SoundCloud gibt es Counter, an denen die einzelnen Abrufe ablesbar sind. Allerdings ist auch hier sehr wenig transparent, was genau unter einem Abruf zu verstehen ist. Auch werden keine Ausstiegsstatistiken wie YouTube angeboten. Podcast-Plugins oder Podcastplayer wie zum Beispiel das WordPress-Plugin Podlove bieten hingegen genauere Statisitken über Abrufe an. Mit dem Einstieg von Spotify ins Podcastzeitalter werden hier in Zukunft mehr und spezifischere Daten zur Verfügung stehen. Alles in allem fehlt im Podcast-Universum aber bisher eine Messgröße, wie sie im Print und Online mit AGOF oder IVW vorliegen.

Wo kann man einen Podcast hören?
Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, Podcasts zu finden. Zum einen bietet Apple via iTunes mittlerweile ein großes Programm an verfügbaren Podcasts, sortiert nach Kategorien und Themen, an. Auch auf SoundCloud lassen sich zunehmend Podcasts entdecken. Zum anderen gibt auch eigene Podcast-Apps und Seiten wie Pocket-Casts, Overcast oder Stitcher. Auch Spotify baut gerade die Kategorie Podcasts auf. Und Googles Play-App bietet ebenfalls Podcasts an, allerdings bislang erst für den US Markt.

Welche Kriterien sind Erfolgsfaktoren für einen guten Podcast?
Wichtig ist wie immer die Qualität des Contents. Hier gelten für das Podcasting meiner Meinung nach dieselben Regeln wie für alle anderen Contentformen auch: Ich muss eine spannende und gute Geschichte zu erzählen haben, die für meine Zielgruppe – welche auch immer das sein mag – so relevant ist, dass sich das Einschalten für sie lohnt.

Patrick Aust über Podcasts

Patrick Aust über Podcasts

Kann man als Journalist bei einem Podcast Geld verdienen?
Die Vermarktung ist, vor allem im deutschen Raum mit seinen derzeit noch recht überschaubaren Nutzerzahlen, ein sehr großes Thema. Einhergehend mit den bislang nur unzureichend zur Verfügung stehenden Tracking-Möglichkeiten wird bislang größtenteils ein Modell ähnlich dem der Vermarktung in Form klassischer Radiowerbung gewählt: Meist spricht der Gastgeber vorab oder während einer kurzen Unterbrechung im Podcast die Werbebotschaft selbst ein. Mittlerweile gibt es auch erste Versuche in Richtung programmatischer Vermarktung zur Verfügung stehender Werbeplätze. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es in Deutschland den ersten Podcastvermarkter gibt.

Wo liegen die Vorteile bei Podcasts?

Podcast abonnieren

Podcast abonnieren

Ganz klar in der möglichen Atmosphäre, die durch gut produziertes Audio hergestellt werden können. Egal ob Stimmen, Töne, Musik oder atmosphärisch passende Sounds: Die Möglichkeiten, den Konsumenten emotional zu berühren, sind auf der Audio-Ebene deutlich höher als auf einer rein textlichen. Selbst wenn diese anhand des Layouts oder durch den Einsatz von Bildern angereichert sind. Zudem können Audioaufnahmen transkribiert und gegebenenfalls als reiner Text zweitverwertet werden, um die Reichweite des Inhalts zu erhöhen.

Besteht Verständnis für Berührungsängste von schreibenden Journalisten mit diesem neuen Stilmittel?
Aus Erfahrung haben die meisten, erstmalig mit der Podcastproduktion in Berührung gekommen sind, am meisten Probleme mit ihrer eigenen Stimme vor dem Mikrofon. Das legt sich aber oft sehr schnell. Ansonsten läuft die Vorarbeit einer Podcastproduktion ähnlich wie beim Schreiben ab: Recherche, Recherche, Recherche — und die Entwicklung einer gewissen Dramaturgie. Der Unterschied besteht dann lediglich darin, dass der Content in gesprochener statt geschriebener Form festgehalten wird. Entsprechend sehe ich keine großen Berührungsängste.

Welche Geräte braucht man konkret für die Podcast-Aufnahme?
Wie bereits gesagt: Es reicht theoretisch ein iPhone samt installierter Voice-Recorder-App sowie ein SoundCloud-Account. Damit kann jeder starten. Ich persönlich nutze aber natürlich auch klassische Studioaufnahmen mit allem drum und dran: Hochleistungsmikrophone, schalldichte Sprecherkabine und einen extra Tontechniker für die Produktion danach. Im mobilen Alltagsgebrauch, mit dem ich bis zu vier Personen gleichzeitig aufzeichnen kann, nutze ich ein Setup aus verschiedenen Technikkomponenten:

  • Kopfhörer-/Mikrofon: Sprech-Hör-Kombinationen von Superlux
  • Hardware-Audiointerface: ‚Native Instruments Komplete Audio 6‘ (max 2 Personen) oder ein ‚Steinberg UR44‘ (bis zu 4 Personen)
  • Audio-Bearbeitungssoftware: ‚Ableton Live 9‘ oder ‚Hindenburg’.

Und was brauchen Profis?
Am besten und qualitativ hochwertigsten ist immer die Aufnahme in einem echten Studio. Hier kommt außerdem hinzu: Das Gefühl und die Atmosphäre einer Studiosituation sind einfach durch nichts zu ersetzen und wirkt sich in neun von zehn Fällen sehr positiv auf das Ergebnis aus. Ansonsten sind mit dem oben genannten mobilen Setup ebenfalls sehr gute Audioqualitäten zu erzielen, die für fast alle Aufnahmen ausreichen sollten. Hier kommt es auch ein bisschen auf die Postproduktion der jeweiligen Aufnahmen an, denn auch gute Studioaufnahmen können potenziell durch eine schlechte Aufbereitung in ihrer Qualität vermindert werden.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen

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