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Mobile Reporting: Was Journalisten dazu brauchen

Man hört diese Wortkonstruktion ständig: Mobile Reporting. Muss man sich als Journalist tatsächlich mit Mobile Reporting ernsthaft befassen? Oder sollte man das Thema den Volontären und Bloggern überlassen. Meine Meinung dazu ist ziemlich eindeutig. Aber dazu muss ich ausholen.

Als die meisten Journalisten ihren Beruf lernten, ging es um Texte. Reportagen und Feature, Nachrichten und Meldungen, Interviews und Kommentare, manchmal Glossen: In den Redaktionen und Journalistenausbildungen wurden alle Stilmittel gelehrt, um klugen Gedanken in den Texten den besten Schliff zu geben. Aus praktischen Gründen fotografierten schreibende Journalisten auch, vor allem in den Lokalredaktionen: Wer bei einem Termin war, drückte auf den Auslöser seiner Kamera und hielt das Gesehene zur Bebilderung des Textes fest. Viel mehr musste ein Journalist der 80-er und frühen 90-er Jahren kaum leisten. Heute ist alles anders.

Der Reporter-Beruf erfährt eine einschneidende Erweiterung: Mobile Reporting.

Mobile Reporting in der Praxis

Beim Bundesliga-Derby Borussia Dortmund gegen Schalke 04 wurde mir im Herbst die Veränderung wieder deutlich. Die eine Fanmeute traf am Stadion auf die andere, böse Worte flogen von der einen zur anderen Seite und zurück — und ich stand mittendrin. Auf Pferden durchflügten Polizisten die Menge, Knallkörper wurden gezündet, die Pferde schreckten hoch. Jeden Augenblick hätte die Situation eskalieren können. Erwachsene Menschen verloren unter Alkoholeinfluss jeden Anstand. Begleiterscheinungen eines brisanten Fußballspiels.

Meine geschriebene Schilderung hätte womöglich nur unzureichend wiedergegeben, was ich in diesem Moment erlebte. Oder noch schlimmer: In Zeiten, da jeder Rechtsausleger die Arbeit von Journalisten mit dem Schlagwort „Lügenpresse“ zu diskreditieren versucht, hätte man meiner Beschreibung allein nicht geglaubt. Das Fernsehen war nicht zugegen. Instinktiv hielt ich mein iPhone hoch und filmte die Szene. Als ich wieder in Sicherheit war, veröffentlichte ich das kurze, aber einprägsame Video mit nur vier Klicks in den Sozialen Netzwerken.

Über eine Million Zuschauer mit 90-Sekunden-Video

Das 90 Sekunden lange Video bahnte seinen Weg durch Facebook, Twitter und Instagram. Durch virale Effekte zählte es später eine Million Views. Eine Million! Man kann sagen: Das Video war ein voller Erfolg. Hätte ich es monetarisieren, das heißt: vermarkten können, hätte die Rechnung wie folgt ausgesehen: Einen Tausender-Kontakt-Preis („TKP“) von 10 Euro voraussetzend, hätte es 10 Euro pro 1000 Views gegeben — bei einer Million Views also 10.000 Euro für 60 Sekunden. Selbst wenn man den TKP halbiert oder auf einen Euro reduziert: Das Honorar hätte sich immer gelohnt.

Zugegeben, solche Gelegenheiten kommen nicht häufig vor, dass man als Reporter einem brisanten Moment beiwohnt. Aber wenn — wäre es dann nicht gut, vorbereitet zu sein? Also nicht nur die richtige Ausrüstung mitzuführen, sondern auch benutzen zu können? Unter Journalisten gibt es Heldengeschichten, die nicht selten mit dem erschütternden Satz enden: Ach hätte ich nur eine Kamera dabei gehabt! Früher, als ein professioneller Fotoapparat teuer war und die Benutzung aufwändig, war die verpasste Gelegenheit verzeihlich. Heute nicht mehr.

Jedes Smartphone ermöglicht Mobile Reporting

Gorilla Tripod

Gorilla Tripod im Einsatz

Jedes moderne Smartphone verfügt heutzutage über eine Kamera, die sowohl Fotos als auch Videos in ausreichender Qualität ermöglicht. Sogar eine zügige Bearbeitung des Materials ist auf dem Handy leicht zu bewerkstelligen. Und noch vor Ort kann man seine Fotos und Videos zu Facebook oder YouTube hochladen und veröffentlichen. „Mobile Reporting“ lautet der Fachbegriff. Jeder Journalist sollte dazu in der Lage sein, (a) Fotos und Videos aufzunehmen und (b) umgehend zu publizieren. An der Ausrüstung sollte er nicht scheitern.

Jedes Jahr gibt Richard Gutjahr ein Statement ab, was bei ihm zur Standardausrüstung eines Journalisten und Bloggers gehören sollte. Die Kamera im Handy ist nur der Anfang. Als Fernsehjournalist legt er größten Wert auf einen guten Ton und den richtigen Kamerawinkel. Darum fällt seine Anforderung an die Ausrüstung etwas ausführlicher aus. Auch sind die Erwartungen an der Produktqualität unterschiedlich. Vermutlich hängt die Erwartungshaltung auch vom Budget des Journalisten ab. Freie Mitarbeiter zahlen für die Ausrüstung selbst.

Diese Voraussetzungen sollten Reporter prüfen

Unter dem Stichwort „Mobile Reporting“ sind unbedingt diese Voraussetzungen zu erfüllen:

  • die schnelle Verfügbarkeit der Kamera,
  • die Schärfe und Auflösung der Bilder,
  • die bestmögliche Tonqualität und
  • die Optionen für Kameraschwenks.

Bei diesen Voraussetzungen kommt das Wichtigste noch: der Mut, einfach alles auszuprobieren. Ja, dazu gehören auch Arbeitsfelder, die wie Modeerscheinung wirken – Snapchat zum Beispiel.

Mobile Reporting in Frankreich

Mobile Reporting mit iRig Mikro bei der Fußball-EM

Ja, es kommt auf etwas Mut ein, mit Videos loszulegen. Passiv eine Szene festzuhalten wie ich seinerzeit beim Bundesliga-Derby, ist das eine. Etwas anderes, aktiv vor die Kamera zu treten. Die meisten Journalisten haben es nicht gelernt. Bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich habe ich mich der Peinlichkeit ausgesetzt und die Spiele der deutschen Nationalmannschaft mithilfe des Twitter-Dienstes „Periscope“ live aus dem Stadion analysiert. In Podcasts haben Patrick Aust und ich das Geschehe vertieft — unverfälscht aus dem Stegreif, überall abrufbar.  „Mit Picke Podcast“ nannten wir unseren Selbstversuch.

Manchmal hatte ich 30.000 Zuhörer, manchmal 600. Periscope-TV macht Spaß. Gelegentlich erntete ich Lob für die Analysen, gelegentlich Häme. Mitbekommen haben es fast alle in meiner Twitter-Community. So sehr, dass Videos aus der Fortsetzung in der Bundesliga nachträglich von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gesperrt und und gelöscht wurde. Was nur beweist: Mobile Reporting ist keine Spielerei mehr, sondern wird als Ergänzung zum geschriebenen Wort wahr- und ernstgenommen. Wenn das so ist: Warum sollte man diese Entwicklung ignorieren oder erst verspätet darauf eingehen?

Mobile Reporting: Was Richard Gutjahr Journalisten rät

Anders als es Richard Gutjahr rät, habe ich auf ein paar seiner empfohlenen Utensilien verzichtet. Irgendwann habe ich zum Beispiel gemerkt, dass ich keine Ohrstöpsel benötige — die haben im Ohr genervt. Das empfohlene Mikrofon zickte gelegentlich rum und nahm gar keinen Ton auf — das im iPhone eingebaute Mikro war für meine Zwecke ausreichend. Schließlich das Stativ: Tatsächlich bringt ein Stick eine schöne Perspektive ins Video, aber dann war das Mikro zu weit weg — irgendwann habe ich direkt aus der Hand gefilmt. Und alles ging gut.

Wie gesagt: Mein Vorgehen ist keineswegs vorbildlich. Richard Gutjahr ist, was Mobile Reporting betrifft, der Profi unter den Journalisten. Darum gebe ich seine Empfehlungen gerne weiter und erweitere die Liste um Empfehlungen, die ich von meinem Podcast-Partner Patrick Aust erhielt. (Discloser: Die Links führen zu Amazon; kommt es zu einem Kauf, gibt es eine Provision — am Preis ändert sich für den Käufer rein gar nichts.) Die Empfehlungen sind weder von einem unabhängigen Institut geprüft noch geprüft, sondern entspringen praktischen Erfahrungen.

Bessere Tonqualität: Mobile Reporting für die Ohren

AKG HSD 171Um genauer zu hören, was man selbst oder der Gesprächspartner sagt, sind Ohrstöpsel hilreich. Richard Gutjahr empfiehlt die Headphone von Bragi, weil die Stöpsel (a) leicht mit dem iPhone 7 zu koppeln sind, (b) im Ohr perfekt sitzen, (c) bestens zum Telefonieren geeignet sind und (d) eine Akku-Leistung von sechs Stunden haben. Patrick Aust spricht sich für das Headset AKG HSD 171 aus. Es sitzt gut und liefert beste Tonqualität. Vor allem in Verbindung mit Steinberg UR44, das bei Interviews und Podcasts dafür sorgt, dass der Ton nicht übersteuert wird. Die notwendige Software zum Aufnehmen liefern die Hersteller oder das Smartphone selbst, zum Beispiel das iPhone mit der App „Garage“.

Bitte sprechen Sie: Drei Vorschläge fürs Mikrofon

iRig IK MultimediaMit selbst reicht das Mikrofon, das in meinem iPhone schon eingebaut ist. Profis bevorzugen das Mikrofon iRig IK Multimedia. Die Qualität ist tatsächlich außerordentlich. Aber: In der Praxis hatte ich Ausfälle, als ich zum Beispiel bei einem Periscope die Bildschirmkamera wechselte. Zuschauer gaben mir sofort die Rückmeldung, dass überhaupt kein Ton mehr übermittelt worden ist. Wenn man diesen Ausfall nicht bemerkt, sendet man Bilder – aber eben keinen Ton. Da nutzen einem Journalisten auch die besten Aufnahmen wenig. Von den Kollegen empfohlen: die Firma Shure mit den Modellen MV88 und x2u. Am Revers nimmt Richard Gutjahr als Fernsehmann ein Klick-Mikro von Sennheiser. Zu Hause habe ich ein Blue Yeti stehen. Die Aufnahmequalität ist so gut, dass man alles hört. Auch Vogelgezwitscher draußen.

Stative, die beim Mobile Reporting hilfreich sind

Tripod Gorilla Stativ

Tripod Gorilla Stativ

Stative sind nicht nur eine Glaubensfrage. Man muss auch bedenken: Wir transportiert man das zusätzliche Gerät, und lohnt sich der Aufwand beim Transport überhaupt. Ich habe fast immer ein Gorilla Tripod dabei; es lässt sich wunderbar schmal drücken und im Einsatz an jeder Stange befestigen, um die Kamera am iPhone in Position zu bringen. Richard Gutjahr sammelte gute Erfahrungen mit DJI Osmo Gimbal. Ein Allzweckgerät kommt von der Firma Hama mit ihren Travel Stativen.

Vorschläge und Empfehlungen für Mobile Reporting

Gerne nehmen wir hier Vorschläge und Empfehlen von allen Kollegen auf. Bitte direkt an info@mediapreneure.de senden, damit wir uns die Sachen anschauen können.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
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