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Journalisten-Coach: 10 Fragen an Attila Albert

Zu Attila Albert kommt kein Klient ohne vorheriges Assessment. Als Coach für Medienprofis, die sich beruflich oder persönlich verändern wollen, ermittelt er vor der ersten Sitzung, wie der Journalist vor ihm denkt: Typ 1 fühlt sich als Opfer, Typ 2 ist zwar erfolgreich, lebt aber mit vielen Konflikten, und Typ 3 will nur durchhalten, aber nichts wirklich verändern. Mit seiner Firma „Media Dynamics“ ist Attila Albert selbst vom Journalismus im die Selbständigkeit gewechselt, hilft nun vielen Branchenkollegen. 10 Fragen an Attila Albert.

Media Dynamics verspricht Coaching für Medienprofis. Auch Journalisten?

Journalisten-Coach Attila Albert

Journalisten-Coach Attila Albert

Die Mehrheit unserer Klienten kommt aus dem Journalismus: Chefredakteure, Autoren, Ressortleiter und Redakteure, Produktmanager. Daneben aus angrenzenden Berufsgruppen, z. B. Mitarbeiter von Pressestellen oder PR-Agenturen. Da wir meist via Telefon oder Skype coachen, sind auch mehrere deutsche Auslandskorrespondenten dabei, unter anderem aus den USA und dem Nahen Osten.

Was sind die größten drei Herausforderungen, denen sich Journalisten aktuell ausgesetzt sehen?

Erstens Mangel an Optionen: Keine oder deutlich schlechter bezahlte Alternativen zum aktuellen Job, fehlende Qualifikation für einen Branchenwechsel. Zweitens Überlastung: Seit Jahren höhere Anforderungen für schrumpfende Teams, zu hohe berufliche und private Zeitverdichtung. Drittens Vernachlässigung des Privatlebens: Die persönliche Entwicklung stagniert, Schwierigkeiten in der Beziehung oder jahrelanges Alleinsein, oft Schulden.

Gibt es Hoffnung, diese Herausforderungen meistern zu können?

Absolut, wenn die Bereitschaft da ist, sich selbst zu verändern und sich komplett darauf zu fokussieren. Das ist ein großer Schritt, da sich eigentlich häufig die anderen – Chef, Kollegen, Partner, Leser – verändern sollen oder die Umstände – Marktumfeld, Wirtschaftslage, Konkurrenten. Wer erkennt, dass nur er sich verändern kann und sich dadurch seine Welt verändern wird, hat die allerbesten Voraussetzungen.

Über welche Eigenschaften sollte ein Journalist bestenfalls verfügen?

Neugier und insbesondere das Interesse, ständig etwas Neues zu lernen. Dazu gehört vor allem, seine eigene Positionen zu hinterfragen und nicht ständig Belege dafür zu suchen, “im Recht” zu sein. Ein guter Journalist denkt nicht in Dualismen (z. B. der Straftäter vor Gericht ist schlecht, sein Opfer ist gut), sondern er arbeitet die Komplexität des Lebens heraus. Vielschichtige Inhalte faszinieren uns, weil wir uns darin wiedererkennen.

Kann man das lernen?

Natürlich, indem man gezielt Personen kennenlernt, die man bisher zutiefst ablehnt, und ihnen mit Neugier und echtem Interesse gegenübertritt. Wessen Herz für Flüchtlinge schlägt, sollte ernsthaft versuchen, einen Rechtsextremisten zu verstehen. Wer Moslems beängstigend findet, sollte sich mit einigen anfreunden. Dass bedeutet nicht, die Werte der anderen Person zu teilen, aber: Den Mensch im Gegenüber zu erkennen – und damit auch die eigene Komplexität und Widersprüchlichkeit.

Sind denn die meisten Journalisten lernwillig?

Das ist völlig unterschiedlich, insbesondere, wenn wir nicht von der Aneignung von Faktenwissen sprechen, sondern von etwas sehr viel Anspruchsvollerem: Der Reflektion des eigenen Denkens und welche Gefühle und Handlungsmuster sich daraus ergeben. Etwas über sich selbst zu lernen, ist Übungssache. Wer es einmal erlebt hat, z. B. durch ein vorangegangenes Coaching, weiß um den Sinn und auch den Spaß daran.

Wie lange dauert durchschnittlich so ein Lernprozess, zum Beispiel bei Media Dynamics?

Wir beginnen bei allen Klienten mit einem psychologischen Assessment (Onlinetest) und der 90-minütigen “Discovery Session”, bei der es um Standortbestimmung und Lebensziele geht. Danach empfehle ich üblicherweise neun Coaching-Sessions zu je 45 Minuten, um an den persönlichen Zielen zu arbeiten. Insgesamt sind das etwa drei Monate, wobei manche Klienten sich auch sechs Monate dafür nehmen.

Ganz konkret: Was können Journalisten jetzt tun, wenn sie – zum Beispiel – noch 15 bis 10 Jahre arbeiten müssen?

Als erstes ihren Zeithorizont erweitern: Wer nur bis zum Vorruhestand denkt, nimmt sich selbst ab Ende 40, Anfang 50 jede Vision und jeden Antrieb. Das sind die Leute, die nur noch “durchhalten” wollen und immer grauer und unglücklicher werden. Die Alternative: Sehen, dass man durchaus realistisch 100 Jahre alt werden könnte und damit selbst mit 60 Jahren noch eine neue Karriere oder ein Unternehmen starten kann. Danach: Unterstützer suchen, beispielsweise einen Coach, planen und umsetzen.

Noch konkreter: Finger weg von Twitter und Facebook – oder die neuen Medien umarmen?

Keines der beiden Extreme, sondern sich eine Kompetenz aufbauen, mit der jeder Journalist fachkundig für sich beurteilen kann, welche Plattformen für ihn sinnvoll sind und wo er bewusst “nein, danke” sage. Nicht jeder muss überall dabei sein, schon aus Zeit- und Kostengründen. Der erste Schritt könnte ein Mini-Businessplan (A4) sein, der vier Fragen beantwortet: Warum mache ich das, wen will ich erreiche, wo und wie?

Viele Journalisten denken – mehr oder weniger gezwungenermaßen – über eine Selbständigkeit nach. Taugen Journalisten zum Unternehmertum?

Das ist sehr uneinheitlich. Wir haben Klienten bis auf Chefredakteursebene, die sich alles Nötige schon angeeignet haben: Betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse, praktische Organisation, Reflektion über sich selbst und die eigenen Ziele, Technikwissen. Sie können sofort durchstarten, meist sind sie im Grunde schon lange aus ihrem aktuellen Job herausgewachsen. Daneben gibt es aber, gerade auch in Newsrooms, Kollegen, die seit Jahren unglücklich und fremdbestimmt leben – für sie ist vorher einiges zu tun.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
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