Mediapreneure
> > > 10 Fragen an Dietmar Schantin über Newsrooms

10 Fragen an Dietmar Schantin über Newsrooms

Dietmar Schantin hat Journalisten modernisiert, ohne dass die es gemerkt haben… In seiner Funktion vorher beim Publisher-Verband Wan/Ifra und jetzt als Leiter beim Institut für Medien-Strategien in London („institute for media strategies“) baut der Österreicher die Newsrooms großer Zeitungsmarken um, damit die Redakteure erstens effizienter und zweitens digitaler zusammenarbeiten können. Seine Kunden sind international zu finden: von Neuseeland bis Bremen. Für Dietmar Schantin immer im Mittelpunkt: der Journalist, der in der Digitalisierung zunehmend moderner arbeiten muss – und sich deshalb neuen Herausforderungen zu stellen hat. 10 Fragen an Dietmar Schantin.

Mit welchen Fähigkeiten muss der Journalist der Zukunft in einem modernen Newsroom arbeiten?

Zuallererst muss aus meiner Sicht jeder Journalist bereit sein, sich auf eine Konversation mit seinem Publikum einzulassen. Mit dieser Grundhaltung bekommen die digitalen Kanäle eine völlig neue Bedeutung als nur zusätzliche Plattformen, auf denen man seine Geschichten publiziert. Wie in jeder konstruktiven Konversation im realen Leben hört man auf sein Gegenüber, nimmt dessen Gedanken auf und stellt sich auf ihn ein.

Übertragen auf die digitale Welt reden wir dann beispielsweise von der Analyse des Kundenverhaltens hinsichtlich Art und Weise, wie, wann und wo er kommunizieren möchte sowie über die Analyse der Themen- und Stimmungslage auf z.B. soziale Medien. Oder über das Treiben eines Themas über eine längere Zeitspanne hinweg, sofern das Thema vom Kunden als relevant angesehen wird.

Diese Überlegungen finden in traditionellen, oft monomedialen Redaktionen nur ansatzweise statt. In aktuellen modernen Newsrooms sollten sie aber integraler Bestandteil der täglichen journalistischen Arbeit sein.

Lernen die Journalisten die Veränderung eher schneller oder langsamer?

Dietmar Schantin

Dietmar Schantin auf der Content World

Dies hängt meist nur von der Geisteshaltung und dem individuellen Interesse der Person ab etwas Neues auszuprobieren. Der Wille zur Veränderung ist auch keine berufsspezifische Eigenschaft. Wir haben aber gelernt , dass es sehr selten etwas mit dem Alter zu tun hat, wie schnell jemand Veränderung annimmt.

Was aber bei Journalisten oft zu beobachten ist: Wenn die Begeisterung für etwas Neues einmal da ist, ist die Lernkurve sehr steil und der Enthusiasmus enorm. In anderen Bereichen eines Verlages kann man diese Begeisterung nicht immer spüren.

Welche Aufgabe fällt Verlagen zu?

Eine Umgebung zu schaffen, in der sich Journalisten sich entwickeln und neuen Fähigkeiten erlernen können. Auch Freiräume zu erlauben Dinge auszuprobieren und eine Kultur zu schaffen, die Fehler toleriert. Eine der wichtigsten Dinge ist jedoch nicht sofort bei jeder Idee oder einem neuen Projekt zu fragen, ob man in drei Monaten damit Geld verdient. Damit tötet man Kreativität und den Willen, Ideen einzubringen, schnell ab.

Nur was die festangestellten Journalisten, sprich: Redakteure betrifft?

Die gilt für alle redaktionelle Mitarbeiter. Auch Freie sollen Ideen einbringen können und sollten ermuntert werden, es zu tun.

Welche Rolle spielen Freie Journalisten in einem modernen Newsroom?

Institute for Media StrategiesFreie Journalisten haben, so glaube ich, den Vorteil der Außensicht und sie bewegen sich oft mehr in der wahren Welt als manche angestellten Redakteure. Außerdem müssen Sie, damit sie sich auf dem freien Markt behaupten können, oft besser verstehen, was den Endkunden, der Leser, den User interessiert ,was für ihn wichtig ist und wie sie Medien konsumieren. Damit haben Freie oft einen anderen Zugang zum Thema „Kundenorientierung“, nehmen Entwicklungen in der Gesellschaft und auch beim Konsumverhalten oft früher war und sind daher manchmal agiler als ihre festangestellten Kollegen.

Der Tagesspiegel in Berlin verzichtet bis Ende 2015 auf Freie Journalisten. Wird diese Maßnahme eine Ausnahme sein – oder die Regel?

Ich glaube, dass Freie Journalisten mehr werden. Bei Photographen ist es in vielen Verlagen und Ländern bereits seit längerer Zeit der Fall, dass keine oder nur mehr sehr wenige fixe Photographen in der Redaktion sind. Diese Entwicklung könnte auch bis zu einem gewissen Grad in der schreibenden Zunft Einzug halten.

Worauf soll sich ein Freier Journalist konzentrieren, um gutes Geld zu verdienen?

Gute, professionelle Inhalte zu erstellen. Und dass auf Plattformen und in Formaten, die für die Zielgruppen Sinn machen. Schlechte bzw. nicht-journalistische Inhalte gibt es mehr als genug, das selbe gilt für durchschnittliche Inhalte.

Wenn ein Redaktionsleiter seine Mannschaft ernstnimmt und fortbilden will: Welche Schwerpunkte sollte er (a) persönlich und (b) in der Zusammenarbeit mit den Journalisten setzen?

Echte Führung an den Tag legen, also motivieren, mit gutem Beispiel vorangehen, Freiräume schaffen und klar kommunizieren, warum Dinge anderes gemacht werden müssen und wie sie anders gemacht werden sollen.

Setzt das beim Redaktionsleiter nicht Veränderungswillen voraus?

Unbedingt. Er ist sogar besonders gefordert. Menschenführung ist keine Disziplin, die man als Journalist lernt.

Wie stark ist der Veränderungswille unter Redaktionsleitern und Redakteuren ausgebildet?

Die Veränderung für Redaktionsleiter ist oft eine Andere als bei Redakteuren. Letztere müssen „nur“ ihre Art und Weise ändern, wie sie Journalismus machen, Redaktionsleiter hingegen müssen nicht nur Journalismus für sich und ihre Mannschaft neu definieren, sondern auch als Führungskraft und Manager reüssieren. Und das ist wahrlich keine einfache Aufgabe. Es ist aber wieder eine Frage der Grundeinstellung und Geisteshaltung, nicht eine der journalistischen Qualität oder des Alters.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
Kommentare

Eine Antwort hinterlassen

Pro Newsletter