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Buchautor werden: 10 Fragen an Elmar Schnitzer

Elmar Schnitzer hat als Boulevardjournalist in bester Tradition für Bild und BZ gearbeitet. Als er Axel Springer vor sieben Jahren verließ, ging er seiner Leidenschaft nach und schrieb Bücher. Nicht irgendwelche: Der heute 67-Jährige schreibt Bestseller. Sein jüngstes Werk: „Glück geteilt durch zwei“. Kann jeder Journalist Buchautor werden? 10 Fragen an Elmar Schnitzer.

Von kurzen Boulevard-Texten zu ausgewogenen Buchkapiteln: Wie groß ist die Umstellung?

Wirklich gute Boulevardtexte sind die Königsdisziplin, geschriebene Bilder, die eine Geschichte aus ihrem Kern heraus auf knappem Raum schnell verständlich und ohne künstliche Emotionen darstellen. Klare Sprache und logisches Erzählen lassen der Phantasie des Lesers genügend Raum, selbst unterschiedlichste Gefühle zu entwickeln. Wer mitfühlt, lebt mit. Das ist das Erfolgsgeheimnis des Boulevards. Überraschender Einstieg, fesselnder Spannungsbogen und ein origineller Ausstieg, der den Einstieg wieder einfängt, bilden die Blaupause dafür. Für Bücher gelten genau die gleichen Kriterien, ob Fiction oder real, mit dem Unterschied, dass die Story entweder über die Kapitel hinweg aufgebaut und abgespult oder in sich geschlossenen Kapiteln mit gemeinsamem Finale erzählt wird. Und, natürlich, in der Chance, die Sprache in ihrer ganzen Vielfalt und Ausdruckskraft für Bilder zu nutzen. Das ist ein großer Vorteil. Aber auch hier gilt: In der Kürze liegt die Würze. Weniger ist oft mehr. Insofern ist die Umstellung für Journalisten nicht sooo groß.

Ist es grundsätzlich schwer, als Journalist ein Buch zu schreiben?

Buchautor Elmar Schnitzer

Buchautor Elmar Schnitzer mit seinem Pferd

He he, die einen sagen so, die anderen so… Es ist über 30 Jahre her, dass ich erstmals ein Buch zu Papier bringen wollte, auch über ein Pferd und mein Verhältnis zu ihm. Damals bin ich an der weißen Seite kläglich gescheitert. Heute weiß ich warum. Mein Kopf war voller Fakten, mein Herz voller Gefühle, und ich so tief darin verfangen, dass mir die Distanz fehlte, um mit kalter Hand zu sortieren, zu strukturieren, Schwerpunkte zu setzen und den Stoff dann Kapitel für Kapitel abzuarbeiten. Mein erstes Buch „Ein Glücksfall namens Paul“ habe ich dieser Strategie gehorchend  in drei Monaten geschrieben und vier Auflagen davon verkauft. Das zweite, „Kalle für alle“, hat auch nicht viel länger gedauert, das dritte, „Glück geteilt durch zwei“, dagegen sehr wohl, und zwar, weil ich dafür viel von mir preisgeben musste. Das ist ein langwieriger Prozess. Zurück zu Ihrer Fragen: Ja, Journalisten, die gelernt haben, eine Geschichte vom Kern aus zu denken und zu entwickeln, müssten es als Autoren leichter haben.

Was kann ein Journalist beim Bücherschreiben besser leisten als ein traditioneller Buchautor?

Authentizität vor allem. Journalisten reflektieren ja mehrheitlich über eigens Erleben. Und, um es mit Helmut Markwort zu sagen: Fakten, Fakten, Fakten. Beispiel: Johannes Mario Simmel. Er war Journalist, hat recherchieren und schreiben gelernt, ehe er als Erzähler, Zeitkritiker und Humanist weltweit Millionen Menschen mit seinen Romanen fesselte („Hurra, wir leben noch“). Bevor Simmel auch nur eine Zeile schrieb, über Spione, Kapitalisten, Liebende, reiste und recherchierte er umfassend. Jede Adresse, jedes Fakt und jeder Zusammenhang, in den er seine Protagonisten einwob, waren real. Und auch die Biografien seiner Helden entlehnte er fast immer der Wirklichkeit. So wurden seine Bücher im Chor mit seiner sensiblen Sprachgewalt zu Bestsellern und er zum Ausnahme-Schriftsteller.

Jenseits von guter Schreibe: Was macht ein gutes Buch aus?



Glück geteilt durch zwei

Glück geteilt durch zwei

Diese Frage lässt sich so digital nicht beantworten, dafür ist das Angebotsspektrum zu groß. Generell, denke ich, kann man sagen: Handlung, Spannungsbogen und Sprache. Konkret, also je nach Rubrum – Belletristik, Biografie Sachbuch, Fachbuch und so weiter. Wichtig ist: Dass das Buch

  • Charme und Humor hat,
  • kurzweilig unterhält und amüsiert,
  • eine innere Wahrheit hat,
  • nachdenklich stimmt,
  • nachhaltig beschäftigt,
  • zu neuen Gedanken führt,
  • Gefühle erweckt,
  • klüger macht und entscheidungsfähig,
  • das Bedürfnis steigert, mehr wissen zu wollen.

Das Buch sollte etwas über Menschen präsentieren, die wahrhaftig und beispielhaft sind, auch negativ Unbekanntes über sie bekannt macht. Auch hier will ich gerne ein Beispiel anführen: Cigdem Akyols Biografie, die Erdogan die Maske des Demokraten vom Gesicht riss, noch ehe sich zum Despoten aufschwang.

Verzweifelt man als Buchautor zwischendurch?

Durchaus, ja. Für kreative Arbeit gibt es nun mal kein mathematisches Regulativ, nur das eigene Bauchgefühl. Und das wechselt. Heute himmelhoch jauchzend, morgen zu Tode betrübt. Man fühlt sich wie in einer Achterbahn, die in Schwindel erregendem Tempo rauf und runter saust. Ist das Buch endlich fertig, ist die Achterbahnfahrt nicht etwa zu Ende. Dann geht sie erst richtig los: Mögen die Leute das Buch, verkauft es sich? Ist man als Schreiber ein Loser? Oder ist das Thema falsch …

Und wie hält man das durch?

Mit Selbstvertrauen und dem Trost darum, dass mit der Zeit selbst aus Gras Milch wird…

Kann jeder Journalist ein Buch schreiben?

Versuch macht klug!

Verdient man viel Geld mit dem Bücherschreiben? Oder besser: Ab wann?

Als Autor ist man Spitzwegs armem Poeten sehr viel näher Jonas Jonasson, dem sein 100jähriger, der aus dem Fenster stieg und verschwand, ein Vermögen bescherte. Das Durchschnittsbuch in Deutschland heute wird bis zu 3 000 mal verkauft, mit Glück… Circa 97 000 Titel kommen jedes Jahr neu auf den Markt, bei sinkenden Buchpreisen. Fast 40 Prozent der Neuerscheinungen entfallen auf den Bereich Wissenschaft, gefolgt von Belletristik (rund 14000), Deutscher Literatur, Kinder- und Jugendbuch sowie Schulbuch. Die Verlage zahlen zwischen sieben und, für Spitzen-Autoren, bis 13 Prozent vom Nettoladenpreis je Buch, plus Vorschuss. Auch der schwankt erheblich zwischen Null und Wichtig. Die Masse ist es also, die es macht. Aber, um auch das klar zu sagen: Einen Titel zu finden und zu platzieren, der Masse macht, ist etwa so aussichtsreich wie in der Sonne nach Schnee zu suchen. Es sei denn sie verdunkelt sich gerade…

Wenn ein Journalist die Voraussetzungen zum Bücherschreiben erfüllt: Was sind die ersten drei Schritte, um den Plan umzusetzen?

  1. Ein Expose erstellen.
  2. Einen Verlag davon überzeugen.
  3. Vertrag und Honorar vor der Unterschrift von einem Fachjuristen prüfen lassen.

Wie fühlt es sich an, wenn im Bücherregal das eigene Buch steht?

Meine drei stehen im Regal ganz unten. Nicht, weil die vielen anderen darüber viel besser wären, sondern, weil es mich anspornt, selbst ein so viel Besseres zu schreiben, dass sein Platz nur der ganz oben sein kann…

Wie der Buchautor von seiner Arbeit schwärmt

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
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