Mediapreneure
> > > 1000Zeichen: 10 Fragen an Lena Steeg

1000Zeichen: 10 Fragen an Lena Steeg

Die Anforderung ist unmissverständlich: „Exakt 1000 Zeichen pro Beitrag“, steht im Infotext zu 1000Zeichen.de. „Das ist die einzige Regel. Den Inhalt gestalten die Autoren vollkommen frei.“ Und so entsteht jeden Tag eine Kurzgeschichte, die manchmal anrührend, meistens erhellend und immer mitfühlend geschrieben ist. Kann man damit Geld verdienen? Vermutlich nicht. Wer zahlt schon Geld für ein Kunstprodukt? Oder vermarktet sich das Portal nicht aggressiv genug? Die Website ist so zart und unschuldig, ganz ohne Fotos, dass man helfend die Hand reichen will – für schnellere Gehversuche in der Medienlandschaft. Die Macher würden den menschlichen Rollator wirsch ablehnen, pfeifend entgegnen: Laufen können wir selber! Keine Werbung. Kein Sponsor. Keine Abhängigkeit. Nur die 1000 Zeichen. Nur das Wort zählt. Der Anschlag. Jeder einzelne. Unterwirft man sich nicht der Knechtschaft einer Potenz von 103? Okay, zwischen zwei Buchdeckeln, das wäre… 10 Fragen an Lena Steeg, Macherin bei 1000Zeichen.

Dieser misslungene Einstieg hat exakt 1000 Zeichen und wurde nur geschrieben, um ein Gefühl für die Anforderung bei 1000Zeichen.de zu bekommen. Das Ergebnis: Eine total anstrengende Arbeit. Ganz schnell zu den Fragen an Lena Steeg.

1000 Zeichen für eine Story: Reicht das, um auf den Punkt zu kommen?

Auf jeden Fall, der Punkt ist ja bestenfalls ein Satz. Wenn er kein Satz ist, hat man schon das erste Problem. Im Volontariat haben sie mir damals – wie wahrscheinlich jedem Journalisten – immer wieder dieses Henri-Nannen-Konzept des Küchenzurufs eingebläut: Man sitzt zu Hause auf dem Sofa, liest einen Artikel, die Mutter fragt im Vorbeilaufen, was drin steht. Das, was man dann sagt, ist die zentrale Aussage des Textes. Vermutlich würde ich immer noch die zwei, drei Sätze laut vorlesen, die mir am besten gefallen. Und genau so machen wir 1000 Zeichen: Es gibt eine Idee, ein paar einleitende und abfedernde Sätze drum herum, bestenfalls zwei, drei gute Formulierungen. Fertig. Mehr braucht es nicht.

Aber warum 1000?

1000 Zeichen Lena Steeg Foto Eva-Marlene Etzel

1000 Zeichen Lena Steeg     Foto: Eva-Marlene Etzel

Sebastian Dalkowsi, mit dem ich Konzept 2012 entwickelt habe, war damals mein Kollege bei der Rheinischen Post. Wir haben uns jeden Tag mit Nachrichten beschäftigt, mussten alles, worüber wir schreiben wollten, mit dem Argument der Relevanz verteidigen. „Heute Morgen hat die Bäckereiverkäuferin etwas gesagt, worüber ich jetzt noch nachdenke“, ist im klassischen Sinne keine Zeitungsgeschichte, allerhöchstens eine Kolumne, und die schreiben ja immer schon andere. Also haben wir überlegt, wie wir privat und trotzdem für Leute über Dinge schreiben könnten, die uns wirklich interessieren. Es gab dann mehrere Ideen. 1000 Zeichen haben wir gewählt, weil es erstens gut klingt und weil wir fanden, es gehört in die Zeit: Je nach Modell passt ein Text genau auf ein Smartphonedisplay. Man kann ihn lesen, bevor der Bus kommt, in der Warteschlange, im Aufzug. Und bestenfalls ist das, was da steht, dann so gut, dass man runterscrollt und direkt den nächsten Eintrag liest. Dieser klassische Kurzgeschichten-Strudel. Dass der gelingt, lag auch an Kim Frank, der sehr früh zu 1000 Zeichen dazu stieß und uns überzeugte, jeden Tag einen Text zu bringen. Das haben wir bis heute so beibehalten: Es gibt für jeden Wochentag feste Schreiber, nur der Sonntag ist frei für wechselnde Gastautoren, die sich einfach mit einem Text bei uns bewerben können. Das waren bisher immer ganz unterschiedliche Leute: Wir hatten mal eine 83-jährige Autorin, wir bekommen viele Einsendungen von jungen Leuten. Und manchmal schreiben auch prominente Stimmen für uns: Roger Willemsen, Cordt Schnibben, Atze Schröder.

Zweifellos sind die Geschichten kreativ und gut geschrieben. Erreichen sie auch eine relevante Reichweite?

Das schwankt. Grob: 200 bis 500 Seitenaufrufe pro Tag. Bei Tumblr haben wir über 36.000 Follower, bei Facebook 1500.

Was hat der Autor davon?

Gute Laune, weil er eine Geschichte erzählen konnte, die er auf diese Weise nirgendwo anders erzählen könnte, außer vielleicht in seinem Facebook-Status, aber das lesen ja dann immer bloß die gleichen Leute.

Wie wird man Autor bei 1000Zeichen?

Man schickt uns einen Text an 1000zeichen@gmx.de mit exakt 1000 Zeichen, Autorenzeile und Überschrift werden nicht mitgezählt, Leerzeichen schon. Das ist erst mal die einzige Regel, an der aber mehr Menschen scheitern, als man denken würde. Der Satz „Es sind jetzt 980/1009 Zeichen, das sollte ja auch passen, oder?“ lässt uns regelmäßig verzweifeln. Weil das ja der Witz ist: die Ernsthaftigkeit, mit der wir auf diese 1000 pochen. Das macht Arbeit, klar. Die Hölle ist, wenn man irgendwo ein Komma vergessen oder am Ende drei Zeichen zu viel oder zu wenig hat. Dann muss man ganz neu ran, Wörter tauschen, Sätze umformulieren. Aber das kann auch Spaß machen und komischerweise werden die Texte dadurch nie, wirklich nie schlechter.

Nach welchen Kriterien entscheidet das Team von 1000Zeichen, was eine gute Story ist?

1000Zeichen Homepage

Die 1000Zeichen Homepage

Abgesehen von der Form: absolut persönlich. Sebastian und ich schauen die Einsendungen durch und jeder sagt, welche er gut findet und welche nicht. Geschichten, die nicht auf den Punkt kommen, Geschichten, die verwirrend sind, weil sie sich an Formulierungen klammern und nicht an eine Idee, Geschichten, die voller Fehler sind oder doch etwas zu unoriginell, fallen raus. Manchmal bitten wir die Autoren auch, noch mal etwas umzuschreiben. Dann glauben wir an den Sound oder die Aussage, sind aber noch nicht zufrieden mit dem Text an sich.

Bei Freien Journalisten ist WordPress als Content Management System (CMS) das Maß aller Dinge. Warum setzt 1000Zeichen auf Tumblr?

Als wir 2012 anfingen, war das für uns die naheliegendste Plattform. Man sagte damals über Tumblr: „Das wird das nächste Facebook“. Für uns ist das System aber auch relativ irrelevant: Wir arbeiten nicht mit Fotos, nicht mit Videos, nicht mit verschiedenen Schriften. Das Design ist sehr clean, simpel, nur Text. Das geht praktisch überall.

Reden wir über Geld: Wovon leben die Autoren?

Von ihren Jobs, hoffentlich. Bei uns verdient jedenfalls niemand etwas. Wir schalten keine Werbung, wir haben keinen Sponsor, wir verkaufen die Texte nicht weiter. Am 12. September veranstalten wir in Hamburg eine große Lesung, mit der wir in den 1000. 1000Zeichen-Beitrag feiern. Viele Autoren und Gastautoren kommen, die Hamburger Sängerin Miu Graf tritt auf und liest, Jörg Tadeusz moderiert. Und wir haben zwei Hefte zusammengestellt mit unseren liebsten Texten zu den Themen „Liebe“ und „Leben“. Und auch hier verdienen wir nichts. Der Gewinn des Abends wird an ein Flüchtlingsprojekt gespendet.

Was bedeutet das für 1000Zeichen: Wohin soll sich die Website in fünf oder zehn Jahren entwickelt haben?

Wir finden, dass sich die Texte im Schnitt qualitativ immer weiter verbessert haben in den vergangenen Jahren. Das kann gerne so weitergehen. Und wir haben, unabhängig von den Heften für die Lesung, zwei Bücher zusammengestellt aus den besten 1000Zeichen-Texten. Ein Verlag, der sie drucken will, wäre herzlich willkommen.

Arianna Huffington fing ähnlich mit der HuffPo an – und machte später das große Geld beim Verkauf an AOL. Müssen wir uns Sorgen um die Autoren machen, dass sie leer ausgehen?

1000 Zeichen wurde mittlerweile von so vielen Magazinen und Zeitschriften und Radiosendern vorgestellt – und nichts ist passiert. Ich glaube kaum, dass jetzt dann doch noch mal Google um die Ecke kommt und uns kaufen möchte. Und: Unsere Autoren gehen ja trotzdem nicht leer aus. Das Blog wird von vielen Menschen in unserer Branche gelesen, wer einen guten Text abliefert, kann sich damit mindestens als Name in Erinnerung rufen. Ich selber werde in Jobgesprächen immer wieder auf 1000 Zeichen angesprochen. Und am Ende, mal ehrlich, machen wir das mit Schreiben doch sowieso nur deshalb: Wir wollen gelesen werden.

Pit Gottschalk hat als Entrepreneurial Journalist und Digital Publisher Medienmarken wie Sport-Bild und Top.de aufgebaut und geprägt. Er ist Board Member in der International News Media Assoziation (INMA) und berät weltweit Medienunternehmen Weitere Artikel von Redaktion
Kommentare

Eine Antwort hinterlassen